Musik im Umschwung

Foto: Ian Baldwin

Als ich mit meinem Vater über David Bowie geredet habe, ist mir etwas aufgefallen…

Zur Erinnerung
> http://beatlog.de/david-bowie

Damals gab es CDs, Kassetten und Platten, die man tauschte, teilte und notfalls auch schmuggelte. Lief ein bestimmtes Lied im Radio, dann machte man schnell das Kassettendeck an, um es aufzunehmen. Musik war etwas, was man in der Hand hielt; etwas Besonderes und eine Rarität von emotionalem Wert. Heute genügen Internetanschluss und Mausklick, um ein gesamtes Album aus dem Netz zu laden. Wenn man nicht will, dann muss man dafür nicht einmal zahlen. Das Medium ist immer und überall verfügbar.

Ich selber bin nicht in dieser Zeit aufgewachsen. Deswegen kann ich nur aus Sicht der Generation sprechen, der alles so einfach gemacht wird. Das wird mir besonders bewusst, wenn ich die physische Musiksammlung meines Vaters mit meinen acht CDs vergleiche, die ich vor einigen Jahren mal gekauft habe. Ich selber kann nur als Beobachter sprechen, wenn ich sage: Musik ist heute weniger Wert. Doch das sagt sich so einfach. Ein Blick auf die Fakten zeigt Folgendes:

Der Umsatz aus CDs in der BRD hat sich seit 1997 halbiert. Laut einer Studie vom Bundesverband Musikindustrie ist der Gewinn aus physischen Medien zwischen 2014 und 2015 um 4,2% gesunken, während der aus digitalen um 30,8% anstieg. Wenn es um das Hören von Musik geht, dann liegen die digitalen Medien deutlich vorne.
> http://www.musikindustrie.de/fileadmin/piclib/publikationen/BVMI-2015-Jahrbuch-ePaper.pdf

In den vergangenen Jahren sank die Anzahl der LPs, die Goldstatus erreichten und die der Singles stieg. Jedoch sind Alben weiterhin im Trend und die CD beherrscht den Markt. Physische Tonträger machen 68,6% der Einnahmen aus, wovon die CD 60,8% umfasst. Auf dem globalen Markt sind die Umsätze erstmals gleichauf
> http://www.ifpi.com/downloads/Digital-Music-Report-2015.pdf

Von 2014 auf 2015 stieg der aus Vinyl generierte Umsatz um 30,7% an. 2014 wurden 1,8 Millionen Schallplatten verkauft, so viel wie zuletzt 1992.
> http://www.musikindustrie.de/fileadmin/piclib/publikationen/BVMI-2014-Jahrbuch-ePaper.pdf

Letztes Jahr waren es 2,1 Millionen Käufer, die den Wert der Musik am Leben halten wollten. So sagen 93% der Vinylliebhaber, dass sie ein großer Musikfan sind, was im Vergleich nur 69,1% der CD-Käufer und 75,6% kostenlose Streamer tun. Während sich das Verhältnis der Einnahmen aus Musikverkäufen und Konzerten vor 20 Jahren noch auf 50/50 belief, muss man heute zu zwei Dritteln mit Auftritten über Wasser halten.
> http://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/boulevard_nt/musik_nt/article108391813/Live-Events-mit-Rekordumsatz-und-steigenden-Ticketpreisen.html

Hinzu kommen hohe Gema-Gebühren und Künstlergagen, die dann zu teuren Ticketpreisen führen. Nach einem schwierigen Rechtsstreit mit der Gema musste die Konzertwirtschaft Steigerungen von mehr als 400 Prozent verkraften.
> http://www.fnp.de/ratgeber/geldundrecht/Veranstalter-Konzerte-werden-teurer;art781,443516


Was sagt uns das nun? Konzertkarten werden teuer, da viele Künstler nicht mehr von den Verkäufen leben können. Es werden mehr Singles verkauft, weil die Menschen wohl lieber einzelne Lieder kaufen, als ihr Geld in ein ganzes Album zu investieren. Musik scheint heute lieber „häppchenweise“ konsumiert zu werden. Man muss kreativ werden, um Käufer anzulocken. Dazu gehört auch das Brechen alt eingesessener Konventionen. So haben beispielsweise Radiohead ihr neuestes Projekt komplett ohne Ankündigung veröffentlicht. Darüber hinaus werden neben der Standardversion des Albums immer häufiger limitierte Boxsets mit diversem Zubehör angeboten. So wird ein Anreiz geschaffen, den Tonträger zu kaufen. Auf der anderen Seite boomt Vinyl wieder, weil Leute etwas in der Hand haben wollen in Zeiten, in denen sich alles digitalisiert.

Besonders gut lassen sich die aufgezeigten Unterschiede an den letzten beiden Studioalben von Pink Floyd illustrieren, da ihre Releases genau 20 Jahre auseinanderliegen. „The Division Bell“ ging 1994 hierzulande mit 1,3 Millionen verkauften Einheiten dreifach Gold, während 2014 dafür nur 300.000 Exemplare von „The Endless River“ über die Ladentheke gehen mussten.
> http://www.musikindustrie.de/gold_platin_datenbank/?action=suche&strTitel=&strInterpret=Pink+Floyd

Doch ich bin nicht anders. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich meine letzte richtige CD gekauft habe. Ich streame Musik, bevor ich mich zum Kaufen entscheide. Und dabei kaufe ich nicht einmal alles. Ich bin kein hoffnungsloser Romantiker, der sich an alten Zeiten festhält, die er selber nicht einmal miterlebt hat. Ganz im Gegenteil: Ich weiß die Vorteile zu schätzen, die das „neue Zeitalter“ mit sich bringt. Alt ist nicht immer gut und damals war es erst recht nicht einfacher. Allerdings kann ich nicht verneinen, dass es erstaunlich ist, wie sich diese Dinge für uns zu einer Selbstverständlichkeit entwickelt haben und dass es sich besser anfühlt, eine Schallplatte in der Hand zu halten, als MP3-Dateien auf der Festplatte zu haben. Doch wer entscheidet eigentlich, was mehr oder weniger wert ist? Musik ist momentan immerhin präsenter als je zuvor, wenn auch in anderen Formen.

PS: Jedem, der sich für das Phänomen Vinyl interessiert, dem sei diese Dokumentation vom ZDFinfo ans Herz gelegt:
> http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2437996/Vinyl-lebt!Die-Rueckkehr-der-Schallplattehallplatte


(Originalbeitrag)


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